| | Artikel aus: NGZ Feuilleton vom 16. Mai 2006

Neuss (KaTse) Man braucht keine Phantasie, um hinter einem Filmtitel wie „Liebesgrüße aus der Lederhose“ ein dummdreistes Sexfilmchen bajuwarischer Provenienz zu vermuten.
Ist ein solches Machwerk schon per se derart blödsinnig, dass man es schlechterdings nicht parodieren kann, so kann man es doch immerhin ad absurdum führen.
So dachte es sich offenbar das Kammerensemble Neuss und präsentierte unter dem gleichen Titel am Samstag im Kulturkeller einen aberwitzigen Bühnenklamauk.
Es wird rhythmisch gekeucht und gehechelt, was das Zeug hält, die Damen befinden sich grundsätzlich kurz vor der Hyperventilation, die Herren kurz vor der Erschöpfung.
Ob nun der Kurschatten mit der Französin, die Frau Kommerzienrat mit dem Antonio, der Sepp mit dem Schorsch oder die Froni mit Frau Lamke - wer mit wem, das ist in diesem grellen Spektakel völlig schnurzegal.
Konsequent wählt Regisseur Ralf Hemecker deshalb zu Beginn des Abends seine Akteure scheinbar aus dem Publikum aus.
Nach dem Aufbau einer dürftigen Wirtshauskulisse mit ein paar Hockern und einem Tisch lässt er sie in schwindelerregendem Tempo die Kostüme wechseln und in immer wieder neue Rollen schlüpfen.
Daniel Wandelt, Stefanie Krey, Oliver Schmidt, Bozana Brozovic und Jessica Kühnel zeigen als Darsteller Geschick beim schnellen Rollenwechsel und Mut zum bizarren Outfit.
Vor allem machen sie mit großer Spielfreude aus dem hirn- und sinnfreien Spektakel einfach einen netten Spaß, in dem Handlung keine Rolle spielt, dafür grelle Klischees vom bizarren Verhalten der Bayern wie etwa das Fensterln nicht fehlen dürfen.
Bei all dem wird die „conditio sine qua non“ solchen Landluftpornos, der an Orten mit Namen wie „Zum wilden Eber“ oder „Zum feurigen Stier“ stattfindet, in Hemeckers Inszenierung mit draller Symbolik, allerhand Gestöhn und Gewälze angedeutet und so fröhlich umfassend und restlos lächerlich gemacht.
Was das alles soll?
Einen Einblick in den „wahren Alltag der Süddeutschen“, wie das Programmheft süffisant ankündigt, gibt solcher knapp zweistündiger Klamauk gewiss kaum, dafür aber treibt er mit frechem Spaß am Aberwitz jene volkstümlerisch-platte Männerphantasie mit Kuhstallflair, die in den 70er Jahren durch die Kinos geisterte, auf ihre inhaltsfreie Spitze.
Alles in allem ein ziemlich grober Unfug.
Info Nächste Vorstellung: 27. Mai, 20.30 Uhr
Artikel aus: NGZ Feuilleton vom 10. April 2006
Leutnant Gustl

Neuss (KaTse) Ein Narr ist er, denn was sonst sollte jemand sein, der glaubt, sich selbst töten zu müssen, weil ein Bäckermeister ihn als „dummen Bub" bezeichnet hat? Mutterseelenallein ist er obendrein, der K.u.K.-Leutnant Gustl, denn wäre er es nicht, hätte er jemanden, der ihm diesen hanebüchenen Unfug ausredet.
So läuft er durch das nächtliche Wien, verrückt vor Einsamkeit, einsam vor Verrücktheit, ein junger Offizier, Anfang zwanzig und für das Leben ausgestattet mit nichts als einem abstrusen Ehrenkodex, einer guten Portion Standesbewusstsein und einem massiven Antisemitismus.
Dass Arthur Schnitzler nach der Veröffentlichung von „Leutnant Gustl" sein Rang als Reserveoffizier der österreichisch-ungarischen Armee aberkannt wurde, hätte schon ausgereicht, seinen Angriff auf die starr- und stumpfsinnige Welt des K.u.K.-Offizierskorps zu legitimieren.
Fremd und seltsam, so mag man denken, war sie eben, diese in Etikette, Dünkel und Strebertum befangene Bürgerwelt zu Beginn des letzten Jahrhunderts.
Daniel Wandelt aber, der Schnitzlers Novelle für das Kammerensemble Neuss im Kulturkeller inszeniert hat, nimmt seinen Zuschauern von vornherein jede Chance, das Geschehen in solch sichere zeitliche Ferne zu rücken, schließt Schnitzlers inneren Monolog kurz mit der Gegenwart und zeigt den Leutnant als jungen Zeitgenossen in Schlafanzug und Bademantel.
Sein nächtliches Wien ist eine knapp bemessene Wohnung, eingeteilt in Küche, Klo, Schlaf- und Wohnzimmer, eine enge Welt, mit der Wandelt Gustls monomanes Kreisen in sich selbst grandios augenfällig macht.
Darsteller Pascal Heithorn gelingt mit eindrucksvoller Intensität ein zorniger, hadernder, auswegloser Gustl, mal trotziges Kind, mal blasierter Schnösel, ein blonder Junge, dessen weiche Gesichtszüge, entstellt von Hass, Verzweiflung, Angst, nie zu sich selbst finden.
Brandaktuell, das zeigt Wandelts blitzgescheite Inszenierung nicht zuletzt dank Heithorns hervorragender Darstellung, ist Schnitzlers Thema des Aus-der-Welt-gefallen-seins auch jenseits überkommener Satisfaktionsregeln, allgegenwärtig ist das Individuum, das in seiner Einsamkeit jedes Maß, jeden rationalen Bezug zur Außenwelt verloren hat.
Mag dieser Leutnant Gustl bei Schnitzler wie bei Wandelt bisweilen sogar anrührend kindlich erscheinen, so zeigt der Blick in seine innere Leere doch immer auch ein Monstrum, hungrig, manipulierbar, destruktiv, eines, das durch die persönliche Krise rein gar nichts lernt.
War Schnitzlers Novelle Anfang des 20. Jahrhunderts der Blick in das Schlangenei, aus dem nur wenige Jahrzehnte später das entwickelte Reptil kroch, so ist Wandelts Übertragung des Monologs auf die leere, enge Welt moderner Individuen nicht nur plausibel sondern vor allem beängstigend.
Vor allem aber ist sie unbedingt sehenswert, dringend zu empfehlen und rundum beeindruckend.
Artikel aus NGZ-Online vom 12.02.06
Stefanie Krey präsentierte nun ihre Heidi-Version

Von Jörg Zimmer
Das Heidi, wie sie im 1880 erschienenen Roman von Johanna Spyri heißt, kennt heute jedes Kind. Unzählige Neuauflagen, Übersetzungen und Adaptionen haben die Geschichte des kleinen Waisenkindes, das beim Großvater in den Schweizer Bergen und im fernen Frankfurt Abenteuer erlebt, fest im Bewusstsein von Kindern und solchen, „welche die Kinder lieb haben“ (Originaluntertitel Johanna Spyris), verankert. Im Zuge seiner „Alpen-Trilogie“ nahm sich nun das Kammerensemble Neuss des Stoffes an. Im Kulturkeller präsentierte Regisseurin Stefanie Krey mit fünf ausgezeichneten Schauspielern nun ihre Heidi-Version. Das Premierenpublikum machte eifrig mit und spendete freundlichen Applaus.
Stefanie Krey beschränkt sich in ihrer Bearbeitung auf eine grobe Maserung des Stoffes. In 50 Minuten und knappen Szenen erzählt sie von Heidis Ankunft vor Öhis Hütte, Großvaters schnell gebrochenem Widerstand, Heidis Entführung nach Frankfurt und ihrer glücklichen Rückkehr. Ein Rahmen, in dem die Schauspieler ihren Figuren prägnante Züge verleihen.
Freilich, von der naturbelassenen Naivität der Spyrischen Heidi fehlt bei Neslihan Somuncu jede Spur. Mit rotem Kopftuch und Leibchen krempelt sie „das Heidi“ zu einem revolutionären Gegenentwurf um. Trotzig bleibt die vom Öhi Abgewiesene vor dessen Hütte sitzen und bekämpft das gestrenge Fräulein Rottenmeier mit offenem Widerspruch und lebhaftem Ungehorsam. Die Pippi Langstrumpf im Heidi-Kleid, gespielt von einer starken Neslihan Somuncu, markiert die sehenswerte Originalität der Produktion.
In grober Strickweste und Breitcordhose ist Hans Krech eine erstklassige Besetzung für den Großvater. Wortkarg, aber gefühlsstark pflückt er die Sympathien des Publikums wie Blumen von einer Almwiese. In einer Doppelrolle als Geißenpeter und Diener Sebastian belebt Mike Turner den jugendlich-frischen Wind, der durch die Inszenierung weht. Helga Remmers als Fräulein Rottenmeier und Daniela Tillmann als Klara verstärken den Eindruck einer glücklichen Besetzung.
Zweimal zeigt ein Protagonist seine Zähne, der weder auf dem Programmzettel auftaucht, noch von Johanna Spyri vorgesehen ist. „Ein bisschen Deutschland hat noch niemandem geschadet“, lautet eine der erzieherischen Maximen von Fräulein Rottenmeier. Und einmal wundert sich Heidi über die vielen vergitterten Fenster am Haus und sie fragt: „Gibt es denn in Deutschland so viele Einbrecher, Diebe und Halunken?“ Info Nächste Termine: 11. und 26. März.
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2006-0213/heidi.html
Artikel aus NGZ-Online vom 18.11.05
Daniel Wandelt : „Katzelmacher“

Von Peter Böttner
Der Kunstgriff ist ebenso einfach wie genial: Ausländerhass ohne Ausländer kann nicht funktionieren. Daniel Wandelt hat genau dies umgesetzt. In seiner Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders „Katzelmacher“ für das Kammerensemble hat er die Person des Ausländers schlichtweg eliminiert.
Vorurteile finden an Hans Krech in der Rolle des Griechen Jorgos keinen Halt. Krech - grauhaarig, Schnauzbart, unverkennbarer Bauchansatz - ist schon rein optisch ein Gegensatz zum Fremdarbeiter-Bild vom Peloponnes. Und so tut man sich schwer, ihm den Frauenverführer abzunehmen: Verfremdung in reinster Form.
Der Zuschauer im Kulturkeller stand bei der Premiere des kontroversen Stückes also vor großen Herausforderungen. „Katzelmacher“ ist mitnichten alltägliche Theaterkost, wobei die Geschichte schnell erzählt ist. Eine Gruppe Frustrierter irgendwo in Deutschland. Perspektivlos, ohne eigenen Antrieb gammeln sie durch den Tag. Doch mit der Ankunft des Fremden wird alles anders. Der griechischen Gastarbeiter Jorgos stellt allein durch seine bloße Anwesenheit den Alltag auf den Kopf.
Ein Alltag, der in seiner ganzen Stumpfsinnigkeit dennoch eine wichtige Funktion erfüllt: Zwischen Flaschenbier und freudlosem Sex besteht kein Grund zur Selbsterkenntnis. Doch spätestens als Jorgos zum begehrten Objekt der Damenwelt wird, ist mit der selbst verordneten Ruhe vorbei. Ein Kontrahent, dazu noch ein Fremder, darf nicht geduldet werden. „Totgeschlagen gehört der“, weil „er stinkt“. Ein schleichender Prozess der Eskalation, der schließlich in körperliche Gewalt umschlägt. Die Inszenierung tropft von bitterbösen Satiren, scheinbar unlogischen Einschüben und abgehackten Szenen.
Die Sprache ist an Kargheit kaum zu überbieten, dazu ein höchst übersichtliches Bühnenbild. Doch das Stück gewinnt seine Intensität aus der Darstellung, ist kein Theater mit klarem Handlungsverlauf und Pointe am Schluss. Zudem wirkt die Darstellung des KEN-Ensembles an manchen Stellen ein wenig zu bemüht um den künstlerischen Effekt.
Und dennoch: Mike Turner als Erich und Daniela Tillmann in der Rolle der naiv-träumerischen Marie überzeugen ebenso wie Pascal Heithorn (Paul), Oliver Schmidt (Bruno) und Neslihan Somuncu (Helga). Stefanie Krey (Elisabeth) fällt ein wenig ab, was nicht zuletzt an ihrer sehr minimalistischen Figur liegt. Der Zuschauer muss schon ein gehöriges Maß an Experimentierfreude für die „Katzelmacher“-Inszenierung von Daniel Wandelt mitbringen.
Info Oberstraße 17, Sonntag, 19 Uhr
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2005-1119/theater.html
Artikel aus NGZ-Online vom 27.02.05
Kein Komma vermutet:

Von Jörg Zimmer
Ein Komma hatte Serdar Somuncu in der „Bild-Zeitung“ nicht erwartet. Bei der Premiere seiner neuen Reihe „Bild lesen“ im Kulturkeller an der Oberstraße ließ sich der Schauspieler und Regisseur von dem Satzzeichen gleichwohl nur kurz in seinem eigenen Rede- und Lesefluß bremsen.
Mehr als 90 Minuten las er rund 50 Zuhörern aus der Samstagsausgabe der Boulevardzeitung vor. Dabei nahm er aus Schlagzeilen, Berichten, kleinen Meldungen, Nacktfotos und selbst aus dem Horoskop und dem Fernsehprogramm Bälle auf und schmetterte sie, versehen mit reichlich Drall, ins Publikum zurück. Nein, über den Papst, dessen Luftröhrenschnitt die halbe Titelseite füllte, wollte er keinen Witz machen. Das, so Somuncu, sei pietätlos. Der Pontifex blieb an diesem Abend jedoch das einzige Tabuthema, in das Somuncu nicht mit Wort- und Spiel-appetit hineinbiß. Er kommentierte das Wahlergebnis in Schleswig-Holstein und wunderte sich über Arnold Schwarzenegger, „der sich gerade das Zigarrerauchen abgewöhnt und nach sechs Nikotinpflastern mit seinem Wagen beinahe von der Straße abgekommen wäre“.
Art und Zusammenstellung der Themen in Deutschlands meistverkaufter, „aber am wenigsten gelesener“ Zeitung erinnerten Somuncu an die Nachrichten auf RTL. Der Privatsender sei, wie auch der „Vollprolet Rocchigiani“, fleischgewordene Bildzeitung. Ein Bericht über den Boxer Darius Michalczewski hatte ihn auf diesen Gedanken gebracht. An Michalczewski wiederum könne man sehen, wie schnell jemand ein angesehener Deutscher werde.
Die aktuelle „Bild“ habe er vor der Premiere ganz bewusst nicht gelesen. So war Somuncu völlig überraschend ganz in seinem Element, als er auf einen Bericht über die Oscar-Nominierung des Films „Der Untergang“ stieß. In der Diktion Hitlers verlas er den Text und kam darüber zu einer beißenden Feststellung: „Das Prinzip der Bild-Zeitung sind kurze und prägnante Sätze.“ Gleichwohl bescheinigte er den Redakteuren hohe Intelligenz. Somuncu: „Wenn aber Hochintelligente sich vereinfachen, sind wir bei Hitler.“
Serdar Somuncu ist ein mutiger Grenzgänger. Aus seinen türkischen Wurzeln saugt der in Neuss Aufgewachsene die Autorität, als „Kanake“ - wie er sich selber nennt - über den „offenen und latenten Faschismus“ in der Gesellschaft zu räsonieren. So vermutete er an diesem Abend, dass Schalke 04 demnächst wohl keine Vereinsmitglieder mehr haben werde. „In einem neuen Projekt wollen die jetzt alle rechtsradikal gesinnten Fans aus dem Verein drängen.“
Somuncus erste szenische Lesung aus der Boulevardzeitung war bei aller Bissigkeit und Frechheit vor allem eins: humor- und anspruchsvoll. Ein anwesender Bild-Redakteur kommentierte: „Sehr amüsant!“. Das Publikum applaudierte zustimmend. Von nun an will Somuncu alle drei Monate „Bild lesen“.
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2005-0228/bild.html
Artikel aus NGZ-Online vom 22.02.05
„Serdar Somuncu liest BILD“

„Serdar Somuncu liest BILD“ heißt ein neues Projekt, das sich der Schauspieler, Kabarettist und „Extremperformer“, wie er sich nennt, ausgedacht hat und in regelmäßigen Abständen im Kulturkeller präsentieren will.
Damit nimmt sich der Neusser ein „nicht minder größenwahnsinniges Gegenüber“ vor als schon bei seinen Lesungen mit Hitlers „Mein Kampf“ und Goebbels Sportpalastrede. Somuncus Konzept ist dabei zunächst einmal denkbar unspektakulär: Tagesaktuell knöpft er sich die Bildzeitung vor, kommentiert und parodiert die jeweils interessanten Themen. Doch wer ihn auf der Bühne schon mal erlebt hat, weiß, dass das mit beißendem Humor geschieht. Somuncu, der sein Vorhaben selbst als „ersten Schritt zur Rettung der Menschheit vor einem ihrer größten Übel“ und „den Beginn einer Zeitrechnung vor Pisa III“ bezeichnet, verspricht dabei, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Info Oberstraße 17, Samstag, 26. Februar, 20.30 Uhr, Kartentelefon 02 31/59 94 84 (ab neun Euro)
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2005-0221/projekt.html
Artikel aus NGZ-Online vom 10.02.05
Produkt aus gemeinsamer Werkstatt von Fo und Ehefrau

Von Helga Bittner
Es gibt Sätze, die sind irgendwann Kult - wie der von Mann und Frau, die einfach nicht zusammen passen. Oder der von der Zweierbeziehung, die nur funktioniert, wenn sie lediglich zur einen Seite hin offen ist - zu der des Mannes; sind beide nämlich geöffnet, gibt’s nur Durchzug.

Verbotenes Terrain: Daniel Wandelt bewegt sich auf gefährlichem Gebiet, als er seiner Frau nicht das Gleiche wie sich selbst zugesteht. Foto: KEN
Letzteres entstammt dem Stück „Offene Zweierbeziehung“ aus der Feder des italienischen Literaturnobelpreisträgers Dario Fo, welches das Kammerensemble Neuss nun mit Nadine Hieronimus und Daniel Wandelt auf die Bühne des Kulturkellers bringt. Wie schon bei vielen Arbeiten vorher und nachher ist auch die „Offene Zweierbeziehung“ eher ein Produkt aus der gemeinsamen Werkstatt von Fo und seiner Frau, der Schauspielerin Franca Rame, der er es auf den Leib geschrieben hat. Und natürlich geht es dabei um Sie und Ihn - wobei in diesem Drama, das Anfang der 80er Jahre entstand, wenigsten die Frau einen Namen hat: Antonia. Und sie ist es auch, die den obigen Satz loslässt, nachdem sie zuvor erkennen musste, dass ihr Seitensprung eine völlig andere Sache ist als seiner. Beide hatten sie eigentlich eine offene Beziehung vereinbart, nachdem seine Abstecher zu anderen Frauen von ihr mit Selbstmordabsichten quittiert wurden.
Doch dass sie den Spieß umdreht, geht ihm dann doch zu weit ... „Wir wollen allerdings die Schuld nicht einseitig auf den Mann abwälzen, sondern schon zeigen, dass beide ihren Teil dazu beitragen“, sagt Regisseurin Stefanie Krey lachend und wird von Nadine Hieronimus mit den Worten ergänzt: „Beide spielen um die Gunst des Publikums.“ Das Gefecht zwischen Antonia und ihrem Mann spielt sich in der neuen Wohnung Antonias ab - allerdings ohne den persönlichen Auftritt von Antonias Liebhaber, dem Professor Aldo. Auf diese Figur wird verzichtet, weil das Team das Stück allein auf die Beziehung zwischen den beiden Eheleuten fokussiert, das zunächst tief in die Vergangenheit zurückgeht, um am Ende in der Gegenwart anzukommen. Mit der Premiere an einem Sonntag Abend beschreitet das KEN indes Neuland: „Wir wollen es einfach mal ausprobieren“, begründet Hieronimus ganz schlicht den Termin. Info Oberstraße 17, Sonntag, 13. Februar, 20.30 Uhr. Kartentelefon: 02131/599484
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2005-0211/fo.html
Artikel aus NGZ-Online vom 31.01.05
Auch die elterlichen Begleiter hatten ihren Spaß

Von Anna Schnürch
Carlo Collodis Stück „Pinocchio“ hat Mike Turner vom Kammerensemble Neuss auf die Bühne des Kulturkellers gebracht.

Überzeugte mit Mimik, Gestik und einer einfach-direkten Spielweise die jungen Zuschauer im Kulturkeller: Oliver Schmidt als Pinocchio. Foto: KEN
Noch mehr als hundert Jahre nach seiner Geburt versetzt dieser kleine hölzerne Junge Kinder in Staunen, lässt sie lachen und gespannt zuhören. Fast jedes Kind kennt Pinocchio, wenn nicht aus Carlo Collodis Original, dann aus Verfilmungen oder literarischen Neuverfassungen.
Das Ensemble des Kulturkellers spielte nun eine ganz eigene Umsetzung der Geschichte und begeisterte einen Keller voller Kinder. Eigentlich will Meister Gepetto sich nur eine Marionette für sein Puppentheater basteln, aber die kann plötzlich sprechen und laufen und möchte zur Schule gehen. Allerdings gibt es für Pinocchio dann doch viel interessantere Dinge zu sehen als Buchstaben und Zahlen, und so gerät er von einer heiklen Situation in die nächste: Sein Lesebuch tauscht er gegen eine Theaterkarte ein, und ein Bauer verpflichtet ihn zu einer Nacht als Hofhund.
Das jungenhafte Gesicht Oliver Schmidts eignete sich gut für die Rolle des Pinocchio und kombiniert mit seiner einfach-direkten Spielweise, offener Mimik und weiten Gesten entstand ein netter kleiner Junge, dem das Publikum nur zu gern bei seinen Ausflügen zusah. Nicht nur Hauptakteur Schmidt gelang die Ausführung seiner Figur hervorragend, auch seine Kolleginnen und Kollegen steckten Energie und Freude in ihr Spiel.
Clara Küppers ließ den Papagei schadenfroh krächzen, Hans Krech gab einen authentischen großväterlichen Gepetto. Herausragend intensiv und kinderfreundlich wirbelwindig schlüpfte Daniela Tillmann in verschiedene Rollen, unter anderem zog sie als gerissene Füchsin die Zuschauer in ihren Bann. Gemeinsam mit dem Kater (Stefanie Krey), versucht diese, dem naiven Pinocchio sein Geld abzuluchsen, was den beiden letztendlich auch gelingt.
Gott sei Dank ist aber stets die blaue Fee in der Nähe, die Pinocchio davor bewahrt, in noch größere Schwierigkeiten zu stolpern, und das glückliche Ende bringt den Holzjungen wieder mit seinem Vater Gepetto zusammen. Mehrfach wurden die Kinder vom freundlichen Ensemble zum Mitmachen motiviert, bis sie schließlich auf der Bühne gegen Pinocchio um die Auszeichnung als Spielplatzkönig kämpften und damit richtig Teil des Stückes wurden.
Die Erstreckung der Spielfläche über den gesamten Kellerraum machte die Ereignisse für die jungen Gäste ebenso wie der klare inhaltliche Ablauf greifbar - Regisseur Mike Turner hat ganze Arbeit geleistet. Dasselbe gilt für Ausstatterin Giovanna Gilges, der die ansehnlichen, den bekannten Bildern nachempfundenen Kostüme und das bescheidene, Phantasie anregende Bühnenbild zu verdanken waren.
So konnten auch die elterlichen Begleiter ihren Spaß an der Vorstellung der klassischen, immer noch gern erzählten und gehörten Geschichte nicht verhehlen.
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2005-0201/pinocchio.html
Artikel aus NGZ-Online vom 06.01.05
Leiter des Theater mit neuem Buch auf Leserreise

Von Helga Bittner
Grün und Rot sind die Farben des Kammerensembles Neuss (KEN) - bis zum Mai dieses Jahres. Bis dahin steht nämlich das Programm der freien Theatergruppe, die ihre Bühne im Kulturkeller an der Oberstraße hat und von Serdar Somuncu geleitet wird.

Gar nicht hölzern wirkt der Schauspieler Oliver Schmidt in der Rolle des Pinocchio für das Kammerensemble in der ersten Produktionen des Halbjahrespielplans. Foto: KEN
Der befindet sich jedoch mit seinem neuen Buch „Getrennte Rechnungen“ in den nächsten Monaten immer wieder auf Lesereise, so dass er weder als Schauspieler noch als Regisseur im ersten Halbjahr dabei ist. Allerdings ist das zehnköpfige Team um ihn herum auch längst fit genug, um den Spielplan ohne den Chef zu füllen. Alle gemeinsam aber haben sie dem Programm ein Motto zugrunde gelegt: Irgendwie geht es immer um Italien. Zumindest bei den neuen Stücken, die bis Mai gezeigt werden - „Pinocchio“ von Carlo Collodi, „Offene Zweierbeziehung“ von Dario Fo und „Der Diener zweier Herren“ von Carlo Goldoni. Die beiden Wiederaufnahmen „Der Hauptmann von Köpenick“ und „Schnüffler, Sex und schöne Frauen“ passen da zwar nicht so ganz hinein, aber werden auch nur jeweils einmal gezeigt: „Sie sind wegen ihres großen Erfolges wieder dabei“, begründet Johanna Krull vom KEN die Entscheidung. Zudem stehen wieder Theaterkurse im Arbeitsplan, dieses Mal gleich zwei, einen für Anfänger, einen für Fortgeschrittene. An der im vergangenen Jahr eingeführten Entwicklung zu einem Spielplan, der die Zahl der Premieren den eigenen Kräften anpasst und auf drei zu reduziert, hält das Kammerensemble fest. Die Anzahl der Vorstellungen jedoch ist gestiegen - um fünf auf insgesamt 21, wobei zwei Club Kinski-Abende dabei sind, für die sich „gute Bands, die sich noch durchsetzen müssen“ auch beim Kammerensemble bewerben können. Die erste Premiere des neuen Halbjahres muss jedoch schon um eine Woche verschoben werden: Statt wie geplant am 22. Januar geht „Pinocchio“ nun erst am 29. Januar über die Bühne. Mit der Produktion, liefert Mike Turner, der bislang beim KEN hauptsächlich auf der Bühne stand, seine erste große Regiearbeit ab. Oliver Schmidt spielt in seiner Inszenierung den Pinocchio, Hans Krech den Tischlermeister Gepetto. Nachdem im Kindertheaterbereich im vergangenen Halbjahr der Saison die Zuschauer ab acht Jahren ins Visier genommen wurden, sind jetzt dem neuen Konzept entsprechend die jüngeren dran: „Pinocchio“ richtet sich an Kinder ab fünf Jahren.
Die „Offene Zweierbeziehung“ kämpfen Nadine Hieronimus und Daniel Wandelt auf der Bühne des Kulturkellers aus; die Regie führt Stefanie Krey, und die Premiere ist am 12. Februar vorgesehen. Die dritte Neuinszenierung schließlich verantwortet Daniela Tillmann. Sie hat am 3. April Premiere und zeigt Oliver Schmidt in der Rolle des „Dieners zweier Herren“. Mit einem „Italienischen Arbeitstag“ läutet das Team des KEN den neuen Halbjahrespielplan ein: „Wer es schafft, am 28. Januar bei uns Eintrittskarten auf gutem Italienisch zu bestellen, bekommt eine Freikarte“, verspricht Krull, weist dabei - aber nur leise - indes auf ein kleines Manko hin: „Wir müssen die entsprechenden Sätze auch noch erst lernen...“ Info Karten und Informationen unter Telefon 02131/599484
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2005-0107/kulturkeller.html
Artikel aus NGZ-Online vom 12.10.04
Somuncu zu Gast im Further Hof

Schöner reden - wer möchte das nicht? Der Schauspieler und Leiter des Kammerensemble Neuss, Serdar Somuncu, will in regelmäßigen Abständen im Further Hof zeigen, wie das geht.
Nicht in Form eines Seminars, sondern durch pures Vormachen - im Verein mit zwei Gästen, denn Somuncu steht dort nicht als Alleinunterhalter auf der Bühne, sondern holt sich jedes Mal zwei Gesprächspartner dazu, die „zeitlich und inhaltlich unbegrenzt“ mit ihm eine Talkshow unter dem oben genannten Motto gestalten.
Zum Auftakt am 18. Oktober haben Somuncu und der Further Hof-Manager Michael Hömberg jemanden eingeladen, von dem sie glauben, das seine Lebensgeschichte reichlich Stoff für spannende und unterhaltsame Gespräche bildet: Matto H. Barfuss ist Künstler, „Botschafter der Berge“ (der Uno im Jahr 2003), Kinder- und Sachbuchautor, Alpenüberquerer (ohne Schuhe) und Gepardenmann.
Der 34-Jährige hat mehrere Monate unter Geparden gelebt, die Alpen barfuß überquert als „Aktionskunstwerk“ für deren Schutz und Erhalt und vieles davon in Fotorarbeiten dokumentiert. Sein nächstes Projekt führt ihn mehrere Monate zu den Berggorillas. Die „Klimbim-Familie“ mit Elisabeth Volkmann und Ingrid Steeger wird voraussichtlich dazu stoßen; doch die Suche ist da noch nicht ganz beendet. Für die nächsten Termine von „Schöner reden“ stehen die Gäste jedoch schon fest.
Volker Beck (Bundestagsabgeordneter der Grünen) und der Kabarettist Volker Pispers (20. Dezember); Wilfried Schmickler und Olli Dietrich (Januar), Hella von Sinnen und Martin Sonnborn, Chef der Satire-Zeitschrift „Titanic“ (Februar).
Auch lokale Prominenz steht auf der Wunschliste der beiden - etwa Herbert Napp und Dieter Patt. Oberstes Ziel der Talkshow ist für Somuncu und Hömberg, dem Zuschauer Spaß zu bereiten, „aber mit intellektuellen Hintergrund“. Er verstehe sich auch nicht als Talkmaster, sagt Somuncu, „sondern als Künstler“. Was heißt, dass er zum Beispiel mit Gast Helge Schneider auch Musik machen würde ... hbm
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2004-1013/kammrenemble.html
Artikel aus NGZ-Online vom 08.10.04
Nicht die geringste Chance auf ein legales Leben

Ohne Aufenthaltserlaubnis gibt es keine Arbeit, ohne Arbeit keine Aufenthaltserlaubnis: Nach langen Jahren in preußischen Zuchthäusern hat Wilhelm Voigt deshalb nicht die geringste Chance auf ein legales Leben und einen ehrlichen Job. Stets ist dem armen Schuster, der als junger Mann Posturkunden fälschte, seine Vorgeschichte im Weg.
Selbst der Versuch, die eigene Polizeiakte zu stehlen, um endlich wieder legal leben zu können, bringt ihm nur zehn weitere Jahre Gefängnis. Eine gebrauchte Uniformjacke bringt ihn da schließlich auf eine grandiose Idee. Den „Hauptmann von Köpenick“, Carl Zuckmayers erfolgreiches Theaterstück, hat Serdar Somuncu mit seinem „Kammerensemble“ im Kulturkeller inszeniert, und natürlich lässt der begnadete Lästerer sich dabei nicht die Gelegenheit entgehen, den Bogen vom obrigkeitsstaatlichen Preußen zum schützenbegeisterten Neuss zu schlagen: Da muss der Hauptmann, der sich die Jacke einst nähen ließ, abdanken, weil sich in dem von ihm erworbenen Grundbesitz ein Puff befindet.
Ein anderer muss aus Gewichtsgründen den schmalen Hauptmannsrock gegen die weit geschnittene Schützenuniform tauschen. Und wenn Mike Turner sich als Hauptmann auf die „Kaiserparade“ vorbereitet, ist das nicht zuletzt auch eine herrliche Parodie lokaler Eitelkeiten. Herz des Stücks Jenseits solch spöttisch-witzelnder und immer gelungener Seitenhiebe aber zeigt Somuncu vor allem, dass er weit mehr drauf hat als den notorischen Spaßmacher: In klaren, knappen Szenen konzentriert er sich aufs Wesentliche an Voigts Geschichte, präsentiert hervorragendes Theaterhandwerk, indem er den zentralen Diskurs zwischen Voigt und seinem Schwager über Recht und Unrecht zum Herz des Stücks macht.
Dabei ist Hans Krech ein großartiger, unschuldig-schuldig gewordener Voigt, gedemütigt und chancenlos vor dem Beamten- und Offiziersstaat, Daniel Wandelt hütet sich sehr gescheit und erfolgreich vor Karikierung und zeigt den Schwager Hoprecht vortrefflich als liebenswerten, offenherzigen Menschen, dessen Glaube an die Unfehlbarkeit preußischer Gesetze allerdings unerschütterlich ist. Nadine Hieronimus zeigt sensibel und glaubwürdig Hoprechts Frau und Voigts Schwester, die einerseits mitfühlt, sich aber auch devot in die vorgegebene Herrschaftsordnung fügt, wie es sich für das preußische Eheweib ziemte. In wechselnden Rollen stellten Oliver Schmidt, Daniela Tillmann und Stefanie Krey Obrigkeit und Untertanen dar. Insgesamt ein herrlicher Spaß und ein intelligentes Stück über Unrecht und Rechtsstaat. Oder umgekehrt. Info Nächster Termin: 16. 10., 20.30 Uhr, Kartentelefon: 02131/599484 (KaTse)
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2004-1009/koepenik.html
Artikel aus NGZ-Online vom 20.09.04
„Angstmän“ ist ein liebevolles Märchen für Kinder

Es muss schrecklich sein, so ein Angstmän zu sein. Ständig bibbern vor Furcht, hinter jeder ecke Gefahr sehen und bei einer längst erkalteten Kerze bricht der kalte Angstschweiß aus. Wie gut, dass der Angstmän zufällig die taffe Jennifer kennen lernt. Jennifer ist neun und eigentlich schon ein richtig großes Mädchen. Endlich ist die Mutter abends aus dem Haus und Jennifer kann alles tun, was sie immer schon einmal tun wollte. Pizza bestellen, Fernsehen schauen und mit den Schuhen auf dem Sofa lümmeln.
Und wie lange dauert es wohl, bis sie es schafft, alle Sicherungen im Haus rausfliegen zu lassen? Exakt 15 Sekunden, doch dann ist es dunkel und Jennifer ist auf einmal gar nicht mehr so übermütig. War da nicht eben etwas an der Tür? Ist da nicht eben gerade ein Schatten in den Kleiderschrank gehuscht? Nein, natürlich nicht! Schließlich hat Jennifer ja überhaupt keine Angst und mit dem Knüppel in der Hand kann ihr ja schon einmal überhaupt niemand etwas anhaben. Ein kurzer Blick in den Kleiderschrank wird aber trotzdem noch erlaubt sein. Und dann bricht im Neusser Kulturkeller ein wahres Schreikonzert los. Unter der Regie von Serdar Somuncu hat das Kammerensemble ein Stück von Helmut El Kurdi auf die Bühne gebracht, bei dem der Zuschauer das anfängliche Schreien gerne in Kauf nimmt. Denn „Angstmän“ ist vor allem ein liebevolles Märchen für Kinder ab sieben Jahren, das ohne moralische Keule daherkommt und dennoch etwas zu sagen hat. Und was wäre ein Märchen ohne seinen Bösewicht, den Pöbelmän?
Dieser unlaunige Zeitgenosse macht dem Angstmän das Leben unendlich schwer. Schon auf der Superheldenschule hatte er es auf den armen Angstmän abgesehen, hat seinen Kopf in der Toilette geduscht. Natürlich taucht der Pöbelman schon nach kurzer Zeit auch bei Jennifer auf. Dick, rüpelhaft und einfach Angst machend. Doch bald wird klar: So schrecklich wie er tut, ist der Pöbelmän gar nicht. Jennifer zeigt ihm schnell die Grenzen auf.
Und siehe da: Ein paar kleine Gemeinheiten, und aus dem schrecklichen Superfiesling wird ein weinendes Häufchen Elend. Aus Gegnern werden Freunde, nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark. Das Stück lebt auch und vor allem durch seine Besetzung. Serdar Somuncu ist in seiner Rolle als liebenswerter Fiesling ein Genuss, spielt körperbewusst und mit dem nötigen Augenzwinkern. Daniela Tillmann und Daniel Wandelt haben es schwer, neben ihm zu bestehen, doch sie ziehen sich achtbar aus der Affäre. bött
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2004-0920/angst.html
Artikel aus NGZ-Online vom 14.03.04
"Prinz Mumpelfitz" ging im Kulturkeller auf Reisen

Keine Frage, die Geschichte von Angelika Batram hat alles, was ein gutes Kindermärchen auszeichnet: Hier ein bisschen Grusel, dort ein Happy-End, hier ein kleiner Held mit lustigen Helfern, dort der verbitterte Erwachsene mit gutem Kern. Sympathische Fantasiegeschöpfe, die den unvermeidlichen moralischen Zeigefinger nicht vergessen. Doch die Geschichte von Angelika Bartram wäre für den Neusser Nachwuchs wohl nur eine von vielen harmlosen Geschichten geblieben, wenn nicht das Kammer-Ensemble-Neuss (KEN) der Mär vom Prinz Mumpelfitz ein ganz eigenes, liebevolles und wohltuend anderes Gesicht gegeben hätte.
Das größte Kompliment gebührt dabei wohl dem Mut, den ansonsten für Märchen dieser Art üblichen Kasperle-Charakter zu vernachlässigen: Keine Puppenbühne, keine 2-D-Welt im Fensterformat. Wenn Bozana Brozovic zu Beginn des Stückes auf die Bühne tritt, einen Socken über die Hand zieht, ihm mit einfachsten Mittel ein Gesicht verpasst - dann fordert diese Verschmelzung von Mensch und Handpuppe ein höchstes Maß differenzierender Leistung von den kleinen Zuschauern. Noch dazu, wenn aus dem Erdkobold Trillefit wieder der Menschenjunge Felix wird und Bozana Brozovic für diese Verwandlung nur den Socken abstreifen muss.
Es fiel also nicht leicht, den insgesamt acht Charakteren eine individuelle Persönlichkeit zuzuordnen. Nur bei Prinz Mumpelfitz und seinem Vater - Nadine Hieronismus und Hans Krech war die Freude am Schauspiel vor Kindern anzumerken - beließ es Regisseur Ralf Hemecker bei strikter Rollenverteilung. Sicherlich die richtige Entscheidung, denn gerade bei der Figur des kleinen Prinzen war die Identifikation ungemein wichtig für den Spannungsbogen. Und es funktionierte: Nach anfänglicher Zurückhaltung ging der Neusser Nachwuchs merklich in der hübsch konstruierten Geschichte auf.
Die unmittelbare Nähe zum Geschehen, weder durch den Vorhang eines Kasperle-Theaters, noch durch stereotypische Latexpuppen behindert, zog die erste Reihe förmlich in die Geschehnisse auf der Bühne hinein. Bei der eifrigen Suche nach der magischen Wunderbohne schien die geplante Interaktion dann endgültig aufzugehen. Natürlich ist die Geschichte vom Prinz Mumpelfitz auch eine Geschichte vom Ideal der Freundschaft, von verbitterten Vätern, die durch ihre Söhne wieder auf den rechten Weg zurückgebracht werden.
Aber das KEN verzichtete wohltuend auf den Schlag mit der Moralkeule, integrierte viel mehr die Botschaft in das eigentliche Geschehen. Zwar ist die Vater-Sohn-Szene zum Schluss weiterhin ein typisches Happy-End. Doch es fehlt das eklig-klebrige Gefühl des Gefühlscocktails "Das wirkt immer". Nicht zu letzt ein Verdienst der wirklich engagierten Besetzung und einer mutigen Regie. Den Geschmack von Rebecca (10) hat das KEN jedenfalls getroffen: "Mir hat es sehr gut gefallen. Besonders der Prinz Mumpelfitz". Nächste Vorstellung am 3. April Peter Böttner
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2004-0315/KEN.html
Artikel aus NGZ-Online vom 04.03.04
Somuncu hat "Schnüffler, Sex und Frauen" inszeniert

Von Dagmar Kann-Coomann
Von Dick Tracy, Trenchcoat-Detektiv und Comic-Star der dreißiger Jahre, hat er das scharfkantige Gesicht, den allzeit hochgestellten Kragen und den Nachnamen. Von Philip Marlowe, Raymond Chandlers Kultfigur des "Film noir", hat er den Faible fürs Philosopheln, den Tick, Frauen ,Kleines" zu nennen und seinen Vornamen.

Perfektes (Comic)Paar: Mike Turner als Phil Dick und Daniela Tillmann als "schöne Frau". Foto: KEN
Mit Flachmann, Fluppe und flotten Sprüchen ist "Phil Dick" ein Schnüffler wie er im Buche steht, hat einen Riecher für alles, was faul ist, blickt aber trotzdem nie so ganz durch. Wie denn auch, wo doch sein Denken fest im Griff der Hormone ist, fast immer und vor allem, wenn mal wieder im richtigen Moment eine Blondine sein Büro betritt, mit dem ausgeprägten Bedürfnis, zwar nicht den Grund ihres Erscheinens aber doch sich selbst zu enthüllen. Autor Tony Dunham zieht in "Schnüffler, Sex und schöne Frauen" das Privatdetektiv-Genre mächtig durch den Kakao. Serdar Somuncu, Regisseur und Theatertausendsassa, dreht in seiner herrlich skurrilen Inszenierung das Ganze noch einen gehörigen Tick weiter und präsentiert die Posse als turbulenten, erfrischenden und einfach absolut ansteckenden Spaß. Mike Turner ist nicht nur darstellerisch, sondern auch schon optisch ein perfekter Phil Dick, der die zweidimensionale Welt Dick Tracys verlassen hat und auf die Bühne des Kulturkellers gesprungen ist, wo Somuncus Inszenierung des Dunham-Stücks am Mittwoch Premiere hatte.
Völlig einleuchtend, dass die Figuren ihre Comic-Herkunft nicht leugnen können: In Gestik und Mimik bewusst überbetont wie die Kult-Strichfigürchen zeigen Turner als Detektiv, Daniela Tillmann als "schöne Frau" und Oliver Schmidt als alle anderen die aberwitzige Geschichte, in der eigentlich niemand so ganz genau weiß, worum es geht und schon gar nicht, warum es stets zu früh zum Essen aber immer Zeit für einen Drink ist.
Rundum grandios als leibhaftige Comic-Figur mit Ballonbusen ist Daniela Tillmann eine mysteriöse Blonde im erotischen Dauerclinch mit Phil Dick, wobei mangels sonstigem Durchblick selten irgendwer was anderes im Kopf hat als das eine. Oliver Schmidt hat mächtig zu tun, um zwischen den Rollen des Polizisten, des dicken Mannes und des dubiosen Mr. Syracus zu wechseln und nebenbei auch noch ständig Tisch und Stühle zu verrücken, denn ebenso wie Dick auf der aussichtslosen Suche nach Wahrheit ist, lässt Somuncu das Stück rast- aber ergebnislos seinen Ort im Raum suchen.
Und weil irgendwann gar nicht mehr klar ist, wie es angefangen hat, ob es da anfing, wo Phil Dick dachte, dass es anfing oder womöglich schon viel früher, schaltet der Schalk Somuncu gewitzt auf filmischen Schnellrücklauf, lässt fast das gesamte Stück in Hochgeschwindigkeit rückwärts abspulen und kurzerhand neu starten - zu einem anderen Ende: Ein herrlicher Spaß, randvoll mit aberwitzigen, brillanten Einfällen, rundum entspannend und deshalb dringend zu empfehlen.
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2004-0305/kammerensemble.html
Artikel aus NGZ-Online vom 01.03.04
Neue Produktion des Kammerensemble Neuss: Premiere

"Am Anfang fanden wir das Stück schrecklich. So eindimensional." Klingt nicht besonders vielversprechend, aber schon der nächste Satz wirft das Urteil um: "Wir haben beim Proben einen tierischen Spaß gehabt und sind jetzt von dem Stück richtig fasziniert."

Ein richtiger Schnüffler muss auch mal was einstecken: Mike Turner als Phil Dick in der neuen Produktion des Kammerensembles. Foto: KEN
Serdar Somuncu muss immer noch lachen, wenn er daran denkt, wie er als Regisseur und Mike Turner, Daniela Tillmann und Oliver Schmidt als Schauspieler sich Tony Dunham's Stück "Schnüffler, Sex und schöne Frauen" erarbeitet haben. Die Krimi-Persiflage des in Köln lebenden englischen Autors habe Einfälle in Massen beim Team des Kammerensembles herausgekitzelt, erzählt er, "wir mussten schon aufpassen, dass wir für die Inszenierung nicht den Verlockungen einer Materialschlacht erliegen." Der Satz "In den Taschen des Toten fand sich einige Gegenstände" ließe schließlich alle Möglichkeiten offen - bis hin zum aufblasbaren Auto...
Die jüngste Produktion des Kammerensembles Neuss hat am Mittwoch Premiere und ist ein Krimi der besonderen Art, hat alle Ingredienzien, die diese Spezies braucht - einen trinkenden Privatdetektiv in einem herunter gekommenen Büro, eine schöne, aber verlogene Frau als Auftraggeberin, einen Toten, einen Mörder, einen fiesen Polizeibeamten -, aber nimmt alles nicht ganz so ernst. "Etwas comichaftes" hat Somuncu an dem Stück ausgemacht, als Regisseur mit Überzeichnungen darauf reagiert und beispielsweise Daniela Tillmann mit einem riesigen Ballonbusen ausgestattet - welcher im übrigen bei einem Sturz während der Proben seine Tauglichkeit als Airbag unter Beweis gestellt hat.
Auf drei Ebenen, so Somuncu, spielt sich das Stück ab. Drei Schauspieler sitzen in ihren Garderobe und bereiten sich auf ihren Auftritt vor. Sie erzählen sich die Geschichte von einem trinkenden Privatdetektiv, der in seinem herunter gekommenen Büro sitzt ... und schlüpfen nach und nach in die Rollen, von denen sie gerade sprechen. Zwölf Figuren kommen da insgesamt zusammen, die sich auf drei Darsteller verteilen, "die mit vollem Körpereinsatz spielen", wie Somuncu verspricht. Die Kostüme sind dem klassischen Gangsterfilm entlehnt - Trenchcoats, Schlapphut, Bart -, beim Bühnenbild hat sich das KEN den Möglichkeiten des Kulturkellers angepasst.
Doch weil Somuncu den Ehrgeiz hat, für jede der KEN-Produktionen dem Raum eine Besonderheit abzugewinnen, hat er sich auch für das Dunham-Stück etwas ausgedacht. "Wir werden die Perspektive wechseln", sagt er. Was man in großen Theatern dank der Drehbühnentechnik mit Leichtigkeit hinbekommt, ist beim KEN nur mit Erfindungsreichtum zu schaffen. Aber auch da weiß sich Somuncu zu helfen: "Bei uns drehen die Schauspieler sämtliche Stühle, Tische und sonstige Requisiten eigenhändig um." hbm
Oberstraße, am Mittwoch, , 20.30 Uhr, Premiere, Kartentelefon 02131/599486 (drei, sechs und elf Euro)
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2004-0302/premiere.html
Artikel aus NGZ-Online vom 27.10.03
Premiere von "Dracula" im Kulturkeller Neuss

"Blut ist ein ganz besonderer Saft." In diesem viel zitierten Wort Goethes, das er dem Teufel in den Mund legte, steckt auch das Credo des wohl berühmtesten Untoten: Graf Dracula. Der Ire Bram Stoker formte seine Romanfigur Ende des 19. Jahrhunderts aus alten Mythen und Legenden.
Das Kammerensemble Neuss zeigte jetzt, dass die besondere Mischung Stokers noch heute begeistern und das Schauern lehren kann. Die Schauspieltruppe um Regisseur Serdar Somuncu fügte den Myriaden von Dracula-Interpretationen im Kulturkeller an der Oberstraße nun eine gelungene hinzu. Aus Protokollen, Briefen und Tagebucheinträgen erfahren die Zuschauer im Ziegelgewölbe die Gründe und Folgen der nächtlichen Blutsaugerei.
Dracula, Spross eines alten Adelsgeschlechtes aus Siebenbürgen (lat. Transsylvanien), hatte im 15. Jahrhundert blutig und erfolgreich das Christentum gegen die einfallenden Türkenhorden verteidigt. Als seine Frau sich das Leben nimmt, verweigert die Kirche ein christliches Begräbnis; und schafft sich so einen unsterblichen Todfeind. Die Inszenierung Somuncus, der selbst die Titelrolle übernommen hat, überzeugt insbesondere im ersten Teil. Mit Leidenschaft und Wirkung bespielt das Ensemble den gesamten Kulturkeller unter Einbeziehung der Nebengelasse und des Treppenhauses.
Die zumeist karge Beleuchtung entspricht dem durch Grablichter illuminierten Weg hinab zur Spielstätte. Inmitten dieser stockenden Atmosphäre gelingt es den Schauspielern, ein flüssiges Spiel der leisen Töne zu entfalten. Abseits der schalen Halloween-Kulissen kann man beim Kammerensemble Neuss Ergiebigeres zu Ängsten und Hässlichkeiten erfahren. Somuncu und sein großartiges Ensemble werfen in einem humorvollen Spagat aus Theatergeklapper und Genauigkeit der Sprache ein Licht auf die Tragik des Grafen Dracula.
"Lassen Sie etwas von der Freude hier, die Sie mit hereingebracht haben", sagt Dracula, als ihm der Londoner Anwalt Harker (Mike Turner) in seinem Schloss die Verträge zum Kauf einer alten Abtei in England vorlegt. Dieser Dracula löst beim Publikum Furcht und Mitleid zugleich aus. Als Spiegelbilder seiner zwei Seiten beeindrucken die beiden sehenswerten Schauspielerinnen Nadine Hieronimus und Daniela Tillmann als Mina und Lucy. Mit Draculas Wunsch "Gib mir Frieden" endet das durch eine Pause gegliederte Stück nach 90 Minuten reiner Spielzeit etwas abrupt. Das Premierenpublikum bedankte sich mit lang anhaltendem Applaus, den sich das Kammerensemble redlich verdient hat.
Jörg Zimmer
Weitere Vorstellungen am 29. und 31. Oktober sowie am 1. und 2. November, jeweils um 20.30 Uhr. Kartenvorbestellungen unter 02131/599484.
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2003-1027/dracula.html
Artikel aus NGZ-Online vom 11.03.03
Neu im Kulturkeller: der "Club Kinski" des KEN

Statt Gläser gibt es vielleicht Tassen, statt Stühle Bierkisten und Matratzen: Im "Club Kinski" wird nichts so sein, wie man es vielleicht erwarten könnte, wenn man sich auf den Weg macht, um Musik zu hören, andere Menschen zu treffen und gemütlich ein Glas Wasauchimmer zu trinken. Im "Club Kinski" ist alles ein bisschen anders.
Trashig. Und spontan. Aber nicht überkandidelt. So versprechen es zumindest seine Macher - Serdar Somuncu vom Kammerensemble Neuss (KEN) und Rainer Kinski, der in Düsseldorf schon die Szenetreffs "Unique", "Rheingold" und "Harpune" etabliert hat. Im Kulturkeller wollen sie mit dem "Club Kinski" eine neue Institution schaffen, die den Bekanntheitsgrad des schönen Gewölbes hebt und "unser Kreativität ein Vehikel verschafft".
"Die Zuschauer müssen aushalten, dass sie überrascht werden" - Somuncus Worte sind das Konzept. Das fängt bei der Musik an und hört bei Einzelauftritten auf; für die Musik wird ein DJ verantwortlich sein, doch jedes Mal ein anderer, der zuvor allerdings eine Sichtung durchlaufen muss. Kein Hardrock oder Freejazz, aber House oder Reggae - wichtig sei, dass der DJ seinen Job beherrsche.
"Man kann tanzen, man aber auch ein Gedicht aufsagen", sagt der KEN-Leiter, und es ist gut möglich, dass auch letzteres einmal passiert, denn Somuncu verfolgt mit dem "Club Kinski" auch die Idee, dort eine Jobbörse für alles und jeden rund um die Kunst zu etablieren. Was aber nicht heißt, dass jeder andere mit unkünstlerischen Ambitionen dort nicht genauso willkommen ist. Gibt es in Neuss überhaupt ein Publikum für diesen eher schrägen Treff? Somuncu lächelt. "Vielleicht ist es nur eine Frage der Hoffnung." hbm
Oberstraße, am Donnerstag, 21 Uhr
Quelle: ngz-online, Neuss-Grevenbroicher Zeitung
Artikel aus NGZ-Online vom 23.02.03
Preusslers "Krabat" inszeniert von Serdar Somuncu

Wer sich zwischen unendlicher Macht und moralisch richtigem Verhalten entscheiden muss, hat es schwer. Denn Macht zieht die Menschen magisch an, das ist nur allzu menschlich. Macht lässt sich jedoch immer nur auf dem Rücken andere austragen, was den einen oder anderen, der charakterfest ist, dann doch für eine Entscheidung gegen die Machtposition einnimmt. Vor solch eine Entscheidung sieht sich auch der Lehrjunge Krabat gestellt.
Viel Phantasie benötigt der Zuschauer von Ottfried Preusslers "Krabat", das von Serdar Somuncu im Kulturkeller inszeniert wurde. Die Kostüme sind schlicht, auf Requisiten wurde weitgehend verzichtet.
Völlig unbedarft ist dieser in die Mühle gekommen und hat dort seine Lehrzeit begonnen. Zwar merkt der neue Lehrjunge schnell, dass sich in dieser Mühle seltsame Dinge abspielen, aber er denkt sich nichts Böses dabei. Als der Junge das Vertrauen des Meisters erlangt und von ihm auch als Schüler der schwarzen Magie aufgenommen wird, klären sich die eigenartigen Vorfälle. Daniela Tillmann lässt ihren Krabat zwischen der guten und der schlechten Seite gradwandern. Die Zauberei fasziniert den Lehrjungen und er lernt fleißig diese Kunst, doch gibt es auch Vorfälle, die Krabat Angst einflößen. Hart trifft ihn der Tod seines besten Freundes in der Mühle. Tonda verschwindet plötzlich in einer Nacht und niemand außer Krabat will etwas gemerkt haben. Stephanie Krey gibt ihrem Tonda sehr geheimnisvolle Züge und mit den dunklen Andeutungen nimmt Tonda eine Art Beschützerrolle für Krabat ein. Serdar Somuncu hat sich für eine Inszenierung entschieden, in der die Phantasie eine große Rolle spielt. Die Kostüme von Neslihan Somuncu unterstützen das, sie sind schlicht und werden nicht gewechselt, so muss der Zuschauer genau aufpassen, wann die Schauspieler sich von Lehrjungen in Raben verwandeln oder auch mal in Ochsen. Nicht immer ist diese Verwandlung ganz eindeutig.
Serdar Somuncu nutzt die Beleuchtung in dieser Inszenierung sehr geschickt, so wird deutlich, wann ein Unheil droht oder auch, welche Tageszeit es ist. Auf Requisiten wurde weitestgehend verzichtet lediglich ein paar Ziegelsteine, werden zur Arbeit genommen und aus ihnen wird sehr anschaulich das Buch der schwarzen Magie. Auch wenn diese Einfälle alle sehr gut funktionieren ist es doch zeitweise schwierig der Handlung zu folgen.
Ottfried Preusslers "Krabat" musste stark gekürzt werden, um überhaupt bühnentauglich gemacht zu werden. Die Figuren, besonders Krabat, müssen in der Zeit aber eine enorme Wandlung durchmachen, die leider streckenweise etwas zu kurz kommt. Nicht wirklich bedrohlich wirkt Hans Krech als böser Meister, er ist immer gleich ruhig, egal, ob er Krabat zu seinem Nachfolger befördern will oder ihn aus Enttäuschung sein eigenes Grab schaufeln lassen möchte. Dank Daniela Tillmann, Stephanie Krey, Ralf Hemecker und Daniel Wandeldt als Müllersburschen, die die vorhandene Bedrohung und Unterdrückung mitspielen, stellt sich aber die bedrückende Stimmung ein, bei der man gerne mitfiebert, wie es ausgeht. jani
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2003-0224/krabat.html
Artikel aus NGZ-Online vom 11.11.02
Kammerensemble feiert mit "Lysistrate" Premiere

Die schönste Nebensache der Welt kann zur Qual werden. Dann nämlich, wenn gänzlich auf sie verzichtet werden soll. Unfreiwilligerweise. Dass es diesem Zustand von Geist und Körper aber durchaus nicht an Komik mangelt, wusste schon der Grieche Aristophanes, als der Meister der attischen Komödie diesen Stoff in seinem Stück "Lysistrate" umsetzte, um die Krieg führenden Männer zum Frieden zu bekehren.

Stefanie Krey als Kalonike und Nadine Hieronimus als Lysistrate (v.l.) lassen mit "frecher Üppigkeit" die Männer das Kämpfen vergessen. Foto: Neusser Kammerensemble.
In der Inszenierung von Serdar Somuncu hat das Kammerensemble, die Komödie nun neu aufleben lassen. Für ihre Aufführung wählte die junge Truppe den Slogan "Bumsen statt Bomben", um darauf zu verweisen, dass beides - die Unsinnigkeit von Kriegen und die Freude an Lust und Liebe - Themen von heute sind.
Auch das Publikum wird in das Stück miteinbezogen, und es herrscht klare Geschlechtertrennung: Auf der einen Seite des Kulturkellers sitzen die Frauen, auf der anderen die Männer. Die derbe Komödie spielt vor rund 2500 Jahren in Athen. Dort war der große Persische Krieg noch in schlimmster Erinnerung, dennoch erhoben die Athener ihre Waffen gegen die benachbarten Spartaner. Ein wichtiger Krieg - aus Sicht der Männer. Ein überflüssiger, finden ihre Frauen.
Doch die haben im Stadtstaat wenig zu sagen, ihre Aufgaben beschränken sich lediglich darin, im "Safranhemdchen mit Lippenrot und Stöckelschuhen" auf ihre Männer zu warten. Denn die tummeln sich auf dem Schlachtfeld gemeinsam mit allen potentiellen Liebhabern ihrer Frauen, die zuvor in solchen Situationen den "ledernen Notdienst" leisten durften.
Bis sie alt und grau sind, möchten die zurückgebliebenen Frauen nicht auf ihre Männer warten. Da beschließt Lysistrate, dargestellt von Nadine Hieronimus, nicht länger diese unbefriedigende Situation zu ertragen. Wenn alle Frauen sich den Männern verweigerten, sinniert sie, ihnen das Bett verböten, ließen sie möglicherweise vom Kämpfen ab. Bringen ihre Geschlechtsgenossinnen das Wort "Enthaltsamkeit" anfangs kaum über die Lippen - Lysistrate gelingt es, diese ebenso von ihrer Verweigerungsstrategie zu überzeugen wie die Spartanerinnen.
Als die Frauen die Burg mit dem Stadtschatz einnehmen und sich dort verbarrikadieren, denken die Männer erst an einen Scherz. Und der Ratsherr, gespielt von Hans Krech, droht die "freche Üppigkeit des Weibsvolkes" mit "Maulschellen nach alter Weise rechts und links" zur Raison zu bringen. Doch die Zeit, in der sich die Frauen durch diese Drohungen einschüchtern ließen, ist endgültig vorbei: Der Ratsherr wird kurzerhand mit einer Ladung Wasser zum Schweigen gebracht. Schadenfrohes Gelächter der Frauen im Publikum.
"Wenn es doch immer so einfach wäre", kichert eine Zuschauerin. Das Warten hinterlässt beim männlichen Geschlecht sichtbare Spuren unter den Gewändern. Krämpfe plagen sie. Die Reaktion im Publikum ist zweigeteilt: Gelächter bei den Frauen, verstehende Blicke bei den Männern. Trotz aller Staatsraison siegt das Befinden des Einzelnen: Die feindlichen Parteien rufen den Frieden aus. Manch Lachträne blitzte auf, als das Publikum der gelungenen Aufführung begeistert applaudierte. Melanie Longerich
Weitere Aufführungen: Mittwoch, 20. November, 20.30 Uhr; Samstag, 21. Dezember, 20.30 Uhr und Sonntag, 22. Dezember 19.00 Uhr
Artikel aus NGZ-Online vom 30.09.02
"Oh, wie schön ist Panama" im Kulturkeller

Niedriges Gewölbe, ein steinerner Brunnen und schummriges Licht - das Ambiente des Neusser Kulturkellers zauberte nicht nur den kleinen Besuchern eine angenehme Gänsehaut auf den Rücken. Janoschs "Oh, wie schön ist Panama" stand für Zuschauer ab fünf Jahren auf dem Programm des Kammerensembles, doch bevor der kleine Bär und der kleine Tiger die Bühne betraten, mussten sich die Kinder ein wenig in Geduld üben. Getränke in bunten Bechern und die Erkundung des Kellerraums verkürzten ihnen die Wartezeit. Und dann endlich war es soweit: Ralf Hemecker und Daniel Wandelt betraten fröhlich strahlend die Bühne und sorgten damit für abrupte Stille. Ein gelbes und ein braun-pelziges Hemd deuteten ihre tierischen Identitäten an, alles weitere war der Phantasie der Zuschauer überlassen. Auch das Bühnenbild, das aus besagtem Brunnen und einem roten Sofa bestand, ließ den jungen Theaterfreunden Platz für eigene Bilder.
Diesen wurde durch die intensive Gestik und Mimik der Schauspieler nachgeholfen; mit viel Enthusiasmus verkörperten die beiden jungen Männer die Kinderlieblinge Tiger und Bär, fischten mit imaginären Angelruten, telefonierten mit ihren Händen und schrieben auf unsichtbare Briefbögen. Den beiden unzertrennlichen Freunden konnte es in ihrem kleinen Häuschen am Fluss nicht besser gehen; sie kochten, aßen, schliefen und vertrieben sich ihre Freizeit mit Spielen und Verabredungen.
Das verrückte Huhn, Tante Gans und Herr Maulwurf - alle ebenfalls von Wandelt und Hemecker dargestellt - leisteten ihnen Gesellschaft. "Wir haben alles, was das Herz begehrt", stellte der lebhafte kleine Tiger fest - die beiden Tiere hatten die beneidenswerte Fähigkeit, auch an selbstverständlichen Dingen Freude zu empfinden und jeden glücklichen Augenblick zu genießen. Und trotzdem: Bestimmt liegt das wirklich große Glück woanders, und so machten sich Tiger und Bär auf den Weg nach Panama, ihrem persönlichen Paradies. Gespannt verfolgten die kleinen Zuschauer, wie die beiden Freunde sich ihren eigenen Wegweiser bastelten und erst guter Dinge, später nur noch erschöpft nach ihrem Traumland suchten.
Vorschläge und Anmerkungen aus dem jungen Publikum nahmen Wandelt und Hemecker geschickt auf und verstrickten sie in ihre Texte. So blickten sich Tiger und Bär irgendwann um: ringsherum wunderschönes Land. Das musste Panama sein! Erst einige Zeit später bemerkten sie, dass sie auf ihr Häuschen am Fluss geblickt hatten - die Suche nach dem Glück hatte sie zu ihrem Anfang zurückgeführt.
"Manchmal muss man weit gehen, um zu sehen, wie schön es zuhause ist." Während die kleinen Gäste mit dem kleinen Tiger und und dem kleinen Bär suchten, lachten und hofften, übten sich die großen derweil im Interpretieren - und waren überrascht, was sich hinter einer Kindergeschichte verbergen kann. Anna Schnürch
Artikel aus NGZ-Online vom 26.09.02
Das neue Programm des Neusser Kammerensembles

Altbewährtes und Neues bietet das Kammerensemble Neuss nach der Sommerpause in dieser Spielzeit. Geboten werden soll für jeden etwas: Komödien, Klassiker und etwas für die kleinen Besucher. Eingeläutet wurde die Theaterzeit bereits vor zwei Wochen mit der Wiederaufnahme von "Aserbeidschan Space Experience - Klitschko 2", einem Stück, das der Leiter des Kammerensembles, Serdar Somuncu, selbst geschrieben und inszeniert hat.

Szene aus "Oh, wie schön ist Panama"
Als Schauspieler ist Serdar Somuncu auf der Neusser Bühne in dieser Spielzeit selten zu sehen. Der Erfolg mit seinen Solo-Projekten ruft ihn immer wieder aus Neuss weg auf Tournee. Ab Oktober steht dann mit "Sexcomedies" die zweite Wiederaufnahme auf dem Spielplan. Diese Spielzeit wird allerdings eine neue Besetzung die Episoden rund um die schönste Nebensache der Welt - gespickt mit viel britischem Humor - erzählen.
Im November wird es klassisch und doch hochaktuell. Mit "Lysistrate" steht auf dem Spielplan ein Stück, das in Zeiten, wo das Kriegsthema wieder an der Tagesordnung ist, eine ganz neue Bedeutung bekommt. Zu sehen ist Lysistrate, ab dem 20. November. Für den Probenbeginn stehen die Schauspieler bereits bereit, doch vorher gibt es erst einmal wieder eine Premiere für kleine Theaterbesucher: "Oh, wie schön ist Panama", die Geschichte von Janoschs kleinem Tiger und dem kleinen Bären, geht am kommenden Sonntag zum ersten Mal über die Bühne des Kulturkellers.
Wie bereits bei den meisten anderen Kinderstücken, bleiben die Schauspieler des Kammerensembles auch mit dieser Inszenierung ihrer Philosophie für Kindertheater treu: nämlich dem Theaternachwuchs Geschichten bieten, die die meisten Kinder zwar kennen (wie auch "Die Biene Maja" oder den "Struwwelpeter") - aber nicht in dieser Form.
Bei dem Janosch-Stück wird die Grundgeschichte beibehalten, allerdings werden der kleine Tiger und der Bär nicht wirklich auf ihrer Suche nach Panama auf andere Tiere treffen, sondern sie nur in ihrer Phantasie sehen, was der Geschichte eine neue Drehung gibt. Das Ende bleibt dann aber wie es in dem Kinderbuch-Klassiker geschrieben steht: Der kleine Tiger und der Bär erkennen, dass es zu Hause doch am Schönsten ist. -jani
Artikel aus NGZ-Online vom 06.04.02

Des Teufels kleiner Spielball
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"Warum Klitschko? Warum nicht John Wayne?" Gute Frage. Und der Teufel kennt natürlich die Antwort. "Hast Du nicht einen Russen in der Verwandtschaft?" Das trotzige "Nein" des Delinquenten hält nicht lange stand. "Na gut, mein Urgroßvater kam aus Kiew."
Da hat der vom blonden Recken zur schwarzgelockten Boxmaschine mutierte Jüngling sie also - die Begründung, warum er nach seiner Tour in den Himmel als Boxer Wladimir Klitschko wieder zur Erde zurückkehrte, auf der er vorher als kleiner Ganove namens Pommes Banken überfallen hat und den Menschen dabei gerne mit der einer Pistole vor der Nase herumfuchtelte.
Ob die Verwandlung nun ein Betriebsunfall war oder ein boshafter Scherz des Höllenherschers, ist letztlich egal, denn am Ende weiß sowieso niemand, wer hier wer ist und was welche Bedeutung hat. Ist Pommes wirklich getötet worden? Und hat er tatsächlich Gott erschossen?
Mit dem Teufel einen Pakt geschlossen? Wieso sitzt Gott plötzlich an Satans Seite? Ist Pommes nur der Spielball der beiden? Oder hat er alles nur geträumt? Aber wieso funktioniert denn das Handy? Fragen über Fragen, die selbst der Autor nicht wirklich beantworten kann. Oder will. Denn Serdar Somuncu, Neusser Schauspieler und Regisseur, hat in seinem jüngsten Stück "Aserbeidschan Space Experience - Klitschko 2" eine absurde Situation an die andere gereiht.
Manche steht allerdings auf arg tönernen Füßen, wird allein getragen von Wortgeklingel, so dass man dem Autor die Mahnung des Teufels auf der Suche nach der richtige Rückkehr-Formel ins Gedächtnis rufen möchte: "Dabei geht es schließlich um Worte, nicht um großkotziges Geschwafel." Doch werden diese Schwächen immer wieder aufgefangen, weil sich Somuncus Text auch als eine Ausgeburt an skurrilem Witz entpuppt.
Nicht immer etwas für Zartbesaitete, aber schräg und dröge - was die Protagonisten dieser Uraufführung im Kulturkeller auch auszuspielen wissen. Allen voran Mike Turner als Pommes/Klitschko, der seine Rolle mit einer Mischung aus Großspurigkeit und Kleiner-Junge-Angst spielt. Hans Krech als weißäugiger Gott mit piepsiger Stimme schlägt sich wacker neben dem als gelackter und eitler Fatzke agierenden Teufel des Ralf Hemecker.
Die Drei wandeln dabei wie auf einem Laufsteg zwischen zwei Zuschauerblöcken. Am einen Ende die Hölle - plakativ kenntlich gemacht mit roten Grablichtern -, am anderen Ende der Himmel - mit im Dunkeln fluoreszierenden Sternen. Doch die Illusion dieser imaginären Spielebene wird immer wieder durchbrochen: Wir sind die Geißeln beim Banküberfall; Gott beschwert sich über die Sektpreise: "Was hält dich hier fest?" fragt er entsetzt mit Blick in die Runde.
Das weiß Pommes zwar auch nicht, aber ist auch egal. Denn das ganze Spiel geht nun wieder von vorne los. Alles auf Anfang, heißt es bei Filmaufnahmen, wenn Szenen wiederholt werden. Die Chance bekommt Pommes auch - allein, er wird sie wohl nicht nutzen.
Helga Bittner
weitere Infos unter www.somuncu.de
Artikel aus der WZ vom 06.04.02

Neben weiteren widerlichen Dingen, wie "Nackt putzen" steht auch das Schützenfest als solches in der Liste der "In-Kauf-zu-nehmenden-Dinge" im Vertrag des Teufels, den er in dem Stück "Aserbeidschan Space Experience - Klitschko 2" abschließt. Dieser Affront gegen das Neusser Brauchtum war am Donnerstagabend im Kulturkeller bei der Uraufführung nur eines der kleineren Indizien dafür, dass sich auch Serdar Somuncus neues Stück wieder jenseits vom Mainstream bewegte.
Besagten Vertrag mit dem Teufel unterschreibt Protagonist "Pommes" (Mike Turner) vor den Himmelstoren, weil er wieder zurück auf die Erde will. Denn der Herr der Unterwelt ist seine einzige Chance, nachdem er Gott zuvor erschossen hat. (Erst erzählt der Opa, ich sei im Himmel, und dann lässt er sich auch noch abknallen, wie 'ne Brötchentüte.")
Dem Teufel fällt nach langem Überlegen auch die Formel wieder ein, mit der er "Pommes" zurück auf die Erde in einen von Gott ausgesuchten Bereich bringen kann - mit A, wie Aserbeidschan befindet sich der Sünder in der schlimmsten Kategorie für die Reinkarnation.
Doch zu allem Übel verspricht sich der Teufel auch noch bei der minutenlangen Formel - und "Pommes" erwacht zu seinem Leidwesen als Vladimir Klitschko ("Ich will wieder normal sprechen, ich will kein Russe sein, ich will blondes Haar.")
In diesen Szenen nach der Verwandlung lebt die Darstellung vor allem von der unterschiedlichen Brillanz, mit der die drei Figuren mit Sprache umgehen. Imitierte Mike Turner hier die typischen Merkmale des Akzents eines deutsch-sprechenden Russen und sorgte damit für zahlreiche Lacher, so sprach der besonders durch seine hohe, dünne Stimme gebrechlich wirkende Gott (Hans Krech) in den verschiedensten Sprachen. Angefangen bei Englisch, Italienisch, Französisch, was sicherlich noch viele Zuschauer verstanden, bis hin zu solchen, die der Laie noch nicht einmal identifizieren konnte. Derweil beeindruckte der Teufel (Ralf Hemecker) durch gekonntes Jonglieren mit seinem riesigen Wortschatz.
Das Aufeinanderprallen dieser drei völlig unterschiedlichen Charaktere - des kauzig-verschmitzten Gottes, des aalglatt-tuntigen Teufels und des im Angesicht der Herrscher des Jenseits immer noch forsch auftretenden Gauners "Pommes" - sorgte für die ständig anhaltende Komik des Stückes. Dabei überzeugten vor allem Hans Krech und Ralf Hemecker als schrulliges und korruptes übermenschliches Pärchen. Wer wollte, dem eröffnete die Handlung von "Aserbeidschan Space Experience - Klitschko 2" durchaus Möglichkeiten zum Grübeln. Wer nicht wollte, hatte sich auf Grund der originellen Ideen, der bis ins Detail ausgefeilten Darstellung und der blitzschnellen, bitterbösen Wortgefechte trotzdem köstlich amüsiert.
Anna Weirich, Westdeutsche Zeitung
Artikel aus NGZ-Online vom 24.03.02

Großes Theater auf kleiner Bühne
Wie es Johann Wolfgang von Goethe mit dem ewig Weiblichen hielt, wissen wir aus zahlreichen seiner Texte. Selbst aus dem offiziellen Kanon seines Werkes sind Stellen bekannt, die ihn als leidenschaftlichen Genießer kenntlich machen. Was der aus Weimar gebürtige Schauspieler Peter Rauch nun aber auf die Bühne des Kulturkellers an der Oberstraße mitbrachte, mag sogar manch heutigem Hörer noch die Schamesröte ins Gesicht treiben - aber eben mit Stil.
Für sein Programm "Der erotische Goethe" griff Rauch in die unteren Schubladen des "geheymen Archivs wunderlicher Produktionen" des Dichterfürsten (erhalten von Goethes Sekretär Johann Peter Eckermann). Um es geich vorweg zu sagen: Niemand sollte sich dieses wunderbare Theatererlebnis entgehen lassen! Das ist großes Theater auf einer kleinen Regionalbühne. Zu verdanken ist dieser Glücksfall Serdar Somuncu vom Kammerensembles Neuss, der mit Rauch in Bochum gespielt hatte. Auf seine Initiative hin feierte Rauch nun vor leider schwach besetztem Haus Premiere. Was wird geboten? Es ist, wenn man so will, die Verkostung der sprachlichen Ursuppe Goethes. Dieser hatte in jungen Jahren eine Reise nach Italien gemacht und war dort zu voller sprachlicher Leidenschaft durchgedrungen. Was er all da gesehen und erfahren hat, lässt sich beispielsweise aus seinen "Römischen Elegien" ersehen, die Rauch mit ins Programm aufgenommen hat.
Als man in guter Gesellschaft des 18. Jahrhunderts noch nicht sorgenfrei einen bloßen Knöchel zeigen konnte, schrieb Goethe freizügig von seinen nächtlichen Studienstunden antiker Statuen am lebendigen Abbild. Und er verhehlt nicht, dass er der "Geliebten des Hexameters Maß manchesmal auf den Rücken zählte."
Herrlich, wenn Rauch mit durchgängig gelungener Akzentuierung und Pointierung durch die Musik etwa von den Schwierigkeiten eines deutschen Dichters berichtet, der in seiner Muttersprache nicht über wohlklingende Worte wie "Phallus" oder "Mentula" verfügt, sondern sich hier auf die biologischen Begriffe aus dem rückwärtigen Bereich der Tiere beschränken muss. Es ist ein Blick in die ganze Breite der unsittlichen Welt. "Possen, Schweinereien und Zoten", wie Rauch eingangs sagt. Aber es ist dies alles auf ganz hohem literarischem, sprachlichem und darstellerischem Niveau. Was unter deutschen Bettdecken passiert oder nicht passiert, weiß heute jedes Kind, sofern es Illustrierte anschauen kann und darf. Dass dies sprachlich mehr sein kann, als die eher dem Grunzen von Neandertalern ähnlichen modernen Verlautbarungen zum gleichen Thema - das beweist Peter Rauch mit seinem Rückgriff auf die "wunderlichen Produktionen" Goethes. Lang anhaltender, verdienter Applaus.
Jörg Zimmer
Quelle: http://www.ngz-online.de/ngz/news/neusserfeuilleton/2002-0322/erotischer_goe
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